Von: Katy Naef

Hellblaues Idol, achtziger Sommer

Hellblaues Idol, achtziger Sommer

Als am 29. Juni 1986 das Finale der WM zwischen Deutschland und Argentinien lief, war ich (Katy) zwölf. Ein MĂ€dchen mit Sommersprossen, sonnengebleichtem Pony und Panini-Heft. Nach der Schule waren wir draussen: kicken auf dem ausgetrockneten Rasen-Feld im Dorf, uns gelegentlich raufen, Tore zĂ€hlen und ĂŒber die besten Tricks diskutieren, Panini-Bilder tauschen.

Gender war kein Thema; vielleicht auch, weil wir noch nicht besonders emanzipiert und fast alle gleichförmig schmÀchtig waren, uniform Jeans und T-Shirt trugen und es angesichts der Sachen, mit denen wir uns beschÀftigten, nicht wichtig war. Wir waren genau da, wo wir sein wollten, mit anderen, die gerade Zeit hatten, ob Maitli oder Bueb. Und Zeit hatten wir viel.

PĂŒnktlich zu Hause sein hiess meist: zurĂŒck sein, wenn es dunkel wurde. Einen SchlĂŒssel hatten wir nicht. Solange aus dem silbrigen Philips‑Kassettenrecorder in der KĂŒche SWR 3 lief — Staumeldungen ohne Ende, Modern Talking, MĂŒnchner Freiheit oder „Wonderful World“ von Sam Cooke — und wir in der DĂ€mmerung hereinschlichen, wĂ€hrend es nach Sonntagszopf, frisch gefĂ€delten Bohnen oder warmem Rhabarbermus roch, war alles in Ordnung.

Maradona war mein Superman. Sein Panini‑Bild klebte neben meinem Kopfkissen am Radiator, nicht im Sammelheft — immer im Blickfeld, der Held in Hellblau. Ich sah seine Locken, die Augenbrauen, den fernen Blick und fĂŒhlte, dass er Weltmeister werden musste. 

Wenn ich an diese Zeit denke, höre ich die PausenhofbĂ€lle an die Alu‑Latten klatschen und das Rauschen des Röhrenfernsehers. Die Achtziger waren Magie: Mixtapes aus Neonleucht‑Stickern, Kassetten‑Pop, Fussball-Idole und mittendrin der Goldjunge, der kosmische Drache („Barrilete CĂłsmico“), der fĂŒr alle Zeiten und unbesiegbar an meinem MĂ€dchen-Himmel schwebt.