Von: Katy Naef
Von Maradona zu Mbappé

Warum die Helden meiner Jugend heute auf der Bank sitzen wĂŒrden
Frankreich, Spanien, England und Argentinien stehen im Halbfinale. Keine Sensationen auf den letzten Metern, könnte man meinen. Aber wer dieses Turnier nicht nur wegen der nackten Zahlen verfolgt, sondern mit dem Herzen hinschaut, entdeckt hinter den Resultaten eine ganz wunderbare Entwicklung.
Ich bin gewiss keine Cheftaktikerin. Aber ich bin eine treue Beobachterin und Liebhaberin dieses Spiels, die seit den 1980er-Jahren fast kein grosses Turnier verpasst hat. Und aus dieser Perspektive fĂ€llt mir dieses Jahr etwas auf, das mich sehr beeindruckt: Das Kollektiv hat das Ego endgĂŒltig besiegt. Das Fiasko von Nationen wie Portugal oder Brasilien hat es gezeigt: Wer nur auf Namen setzt und kein echtes TeamgefĂŒge auf den Rasen bringt, reist frĂŒhzeitig ab.
Wenn ich mir die verbleibenden Teams anschaue, sehe ich faszinierende Unterschiede. Spanien und Frankreich wirken wie perfekt abgestimmte Orchester. Da fliesst der Ball harmonisch, und selbst ein Weltstar wie Kylian MbappĂ© gliedert sich bedingungslos ein, schliesst LĂŒcken in der Defensive und rennt fĂŒr die Mannschaft. England und Argentinien hingegen lassen mich manchmal noch zittern; sie wirken phasenweise sehr abhĂ€ngig von den genialen Momenten ihrer grossen Figuren Harry Kane oder Lionel Messi. Wenn dieses Fundament mal wackelt, merkt man sofort, wie fragil das Ganze ist.
Auch internationale Sportjournalisten und Kommentatoren betonen das in diesen Tagen immer wieder: Die Ăra, in der ein einziger Superstar ein ganzes Turnier im Alleingang gewinnen konnte, ist vorbei. Die moderne Spielweise verzeiht keine Egos mehr. Wer nicht mitarbeitet, wird zum Sicherheitsrisiko â egal, wie gross sein Name ist. Ein rein offensiv orientierter Freigeist wie Diego Maradona wĂŒrde daher heute von einem weitsichtigen Trainer wohl grösstenteils auf der Ersatzbank platziert â und bestenfalls noch als Joker eingesetzt.
Wie moderner Fussball in Zukunft geht, haben uns bei diesem Turnier auch die aufstrebenden afrikanischen Mannschaften wie Marokko oder Senegal eindrĂŒcklich vor Augen gefĂŒhrt. Mit einer enormen taktischen Disziplin, unbĂ€ndigem Laufwillen und einem unerschĂŒtterlichen Glauben an das Kollektiv haben die Löwen von Teranga bzw. Les Lions de LâAtlas den etablierten FussballmĂ€chten das Leben schwergemacht. Sie haben bewiesen, dass der SchlĂŒssel zum Erfolg nicht in teuren Star-Einzelmasken liegt, sondern in der bedingungslosen Bereitschaft, als Einheit fĂŒreinander zu gehen.
Und genau da schliesst sich fĂŒr mich der Kreis zu meinem ersten Blogtext, in dem ich ĂŒber das grosse Idol meiner Jugend geschrieben habe: Diego Maradona. In den Achtzigern waren er, Zico oder Ruud Gullit absolute Monarchen auf dem Platz. Wir lagen ihnen zu FĂŒssen, wĂ€hrend die echten Handwerker, die unermĂŒdlichen âAbrĂ€umerâ in den hinteren Reihen, kaum Beachtung fanden. Man nahm sie â vielleicht ging das ja nicht nur mir so? â fast nur als notwendiges Ăbel wahr; als die grauen MĂ€use, die den Genies den RĂŒcken freihalten mussten, damit diese im Scheinwerferlicht glĂ€nzen konnten.
Heute, gut 40 Jahre spĂ€ter, tut sich auf dem Rasen etwas, das viel schöner ist. Die reine Teamdienlichkeit ist in den Vordergrund gerĂŒckt â und sie wird sichtbar von allen gelebt. Wenn ein Tor fĂ€llt, rastet die gesamte Ersatzbank aus. Das ist ehrliche, gemeinsame Freude. Die grossen Stars von heute haben verstanden, dass sie ohne die schuftende Defensive gar nichts sind.
Dieses Sich-selbst-ZurĂŒcknehmen fĂŒr den Erfolg des Kollegen ist fĂŒr mich kein Zufall, sondern das Zeichen einer Entwicklung, die uns als Zeitgeist durchaus zuversichtlich stimmen darf. Es ist genau das, was den heutigen Zauber des Fussballs ausmacht: wenn jeder und jede mit den eigenen StĂ€rken in der Mann- oder Frauschaft am richtigen Ort das Beste fĂŒrs Team gibt â und damit am Ende die Freude an den Erfolgen fĂŒr uns alle vervielfacht.
Zum Schluss möchte ich noch danke sagen: Danke, lieber Raffi, fĂŒr das Vertrauen und dass du mir hier in deinem WM-Blog den Platz geschenkt hast, meine ganz persönliche, weibliche Stimme einzubringen. Es war mir eine grosse Freude!
Raffis WM-Jukebox: Zum Nachschwingen und Weiterfreuen empfehle ich euch heute âJerusalemaâ von Master KG. Ein Song, der genau diese pure, kollektive Freude und den gemeinsamen Rhythmus versprĂŒht, den uns die Teams auf dem Rasen gerade vorleben. Dreht die Boxen auf!