Von: RB
Verkehrte Welt

VORWORT
Nichts ist so wie es mal war! Wer ausser dem Schreiberling đ hĂ€tte nur einen Rappen darauf gewettet, dass gleich nach der ersten Kurve ER als erster auftauchen wĂŒrde. Jahrelang habe ich ihm Nachhilfeunterricht gegeben, heute Morgen hatâs geklappt. Severin ich bin stolz auf dich. Dasselbe Lied bei den Mannschaften! Wer hĂ€tte je davon getrĂ€umt dass die âMorgartenkriegerâ ihre Hellebarden noch einmal aus dem Keller holen und die SambatĂ€nzer am âStockâ durch die Gegend laufen. Und wer hat âNobodyâ Balogun zufĂ€llig auf der Rechnung gehabt? Doch alles schön der Reihe nachâŠ.
DER GEHEIMFAVORIT
In meiner Phantasie sah ich Tagesschausprecher Florian Inhauser den JahresrĂŒckblick 2026 moderieren. Wie er vom WM-Titel on ice und von jenem auf dem grĂŒnen Rasen berichtet. Von der Schweiz, die nicht mehr nur auf Skiern die Konkurrenz in Grund und Boden fĂ€hrt. Dann wie aus heiterem Himmel kam der Stich mitten ins Herz đ. Aus vorbei, von einer Sekunde zur anderen. Ein GefĂŒhl der Leere machte sich im ganzen Lande breit. Eine sicher geglaubte Goldmedaille hatte sich in Silber aufgelöst. Immer dieses letzte Quentchen das fehlt. Urschweizerische VersagensĂ€ngste, die sich vor allem im Kopf abspielen. Ich wusste, jetzt musst du deine Gedanken neu sortieren und den Leuten Mut machen. Schliesslich ist nicht alles verloren. Der Traum Fussballweltmeister zu werden lebt weiter.
Das kleine Uruguay hat es zweimal geschafft! Warum soll es die Schweiz nicht packen? Noch nie hat die Nationalmannschaft einen attraktiveren Fussball gespielt wie unter Yakin. Wer mit viel Pech ein EM-Halbfinale verpasst, darf sich durchaus Chancen auf ein WM-Halbfinale ausrechnen. Leistet GlĂŒcksgöttin Fortuna entscheidenden Beistand wenn es vom Elfmeterpunkt zur Sache geht, ist alles möglich. Akanji der ruhende Pol, Xhaka der Lenker, Freuler der Rackerer, Ndoye der Dribbler, Embolo der Vollstrecker und Manzambi der ungeschliffene Diamant. Das Potential ist vorhanden.
Ich persönlich habe die Schweiz auf dem âNotizblockâ eingetragen. Jetzt wo meine einstige Flamme đ„ den Kontakt zur Umwelt abgebrochen hat, schien es mir an der Zeit die siebzigjĂ€hrige Gastfreundschaft in dieser Form zu erwidern. Wenn ich die möglichen Ăberkreuz-Zusammenstösse bei einem etwaigen Gruppensieg analysiere, kommt die grösste Gefahr aus Lusitanien. Dort sitzt Kameltreiber Ronaldo nach wie vor fest im Sattel. Dieses allfĂ€llige Achtelfinale, (falls beide Gruppensieger werden) ist der SchlĂŒssel zum spĂ€teren Erfolg. Italien hat es 1982 vorgemacht. Mit jedem âGangâ wurde der Appetit grösser. Am Ende verspeisten die Azzurri nacheinander Argentinien, Brasilien und Deutschland. Der Schweiz traue ich Ăhnliches zu. Falls es am 19. Juli zur Ăbergabe des Pokals kommt und sich das Volk am Boulevard in den Armen liegt, wötti ainĂ€ uf kain Fall gsehâŠ..GĂ€ll Pep đ«ą
DER AUSSENSEITER
Fragt man Thomas MĂŒller, Paolo Maldini oder Luca Modric, bekommt man stets dieselbe Antwort: Carlo Ancelotti ist ein Gentleman! UmgĂ€nglich, ausgeglichen, kompetent. Boss und Kumpel zugleich. FĂŒr viele seiner Jungspunde eine Vaterfigur. Nur wenn er seine linke Augenbraue höher zieht als die rechte, ist mit ihm nicht gut Kirschen essen.
Ein Blender war Ancelotti nie! An der Seite von Frank Rijkaard und Ruud Gullit war er Milans Motor im zentralen Mittelfeld, der auch in der Lage war, den öffnenden Pass auf die 9 zu spielen. Mit Marco van Basten hatte er den genialen Abnehmer in seinen Reihen. Als Spieler gehobene Mittelklasse als Trainer absolute Weltklasse! Sein Palmares spricht BÀnde. Wer mit Milan, Bayern, Paris und Real unzÀhlige TrophÀen einsammelt, hat sich den Platz in den Top-Ten redlich verdient.
Seine Menschenkenntnis und seine Fachkompetenz dĂŒrften den Ausschlag gegeben haben, dass sich der brasilianische Fussballverband dazu durchringen konnte, einen âFremdenâ fĂŒr die anstehende Mammutaufgabe zu verpflichten. Seither ist die Stimmung im Land gekippt. Der sechste WM-Titel scheint greifbar nah. Roberto Falcao, einst Teamkollege in Rom, ist im Gegensatz zu mir des Lobes voll.
Mir machen die vielen âEhemaligenâ im Team zu schaffen. Schwalbenkönig Neymar geht auf dem Zahnfleisch, Danilo und Alex Sandro haben ihren Zenit lĂ€ngst ĂŒberschritten. Das Dreigestirn Allison-Vinicius-Raphinha reicht einfach nicht aus um nach den Sternen zu greifen. Joao Pedro wurde aussortiert, obwohl er bei Chelsea eine Riesenvorrunde gespielt hat. Viel Mittelmass, wenig Klasse. Noch nie hat Brasilien eine derart enttĂ€uschende WM-Qualifikation gespielt.
Klonen kann man Leute wie Ronaldo und Ronaldinho leider nicht. Einen PelĂ© wird es nie mehr geben. Carlo, du hast dich in der Adresse geirrt. Italien hĂ€tte dich ânötigerâ gehabt als den Papst. In Brasilien ticken die Uhren anders. Dort werden sie dich âkreuzigenâ, wenn das passiert, was ich seit Monaten befĂŒrchte. Gegen Haaland und seine Vikinger kommt im Viertelfinale jede Hilfe zu spĂ€t.